Über die Freude

veröffentlicht 02.11.2026, Dekanat Wiesbaden

Reformation: Dekanin Arami Neumann verbindet die Freude über Gottes Gnade mit einem Aufruf zu Selbstkritik, Umkehr und klarer Haltung gegen Judenfeindschaft

„Nun freut euch lieben Christen g'mein, und lasst uns fröhlich springen“ – mit diesem Martin-Luther-Zitat hat Dekanin Arami Neumann den Reformationsgottesdienst eröffnet. In einer gut besetzten Wiesbadener Lutherkirche – unter den Gästen waren unter anderem Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD), die stellvertretenden Stadtverordnetenvorsteherin Nele Siedenburg (Grüne), der katholische Pfarrer Klaus Nebel und die Anglikanerin Dorothee Dziewas, die die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen vertrat, - fragte sie in ihrer Predigt, ob die Evangelische Kirche mit dem, was sie sagt und tut, tatsächlich Freude über Gottes Gnade vermittelt – und wie sie in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen ihrer Botschaft gerecht werden könne.

Die Freude sei nicht nur eine Begleiterscheinung des Evangeliums, sondern dessen Inhalt und Wesen. Daran müsse sich auch die Kirche messen lassen, so Arami Neumann: „Vermag diese oder jene Äußerung der Kirche, sprachlich oder anders, Frohe Botschaft, Evangelium zu sein, Freude spüren zu lassen über Gottes Gnadenwerk?“ Die Kirche müsse sich fragen, ob das, was sie im Namen Gottes rede und tue, Freude entzünde – in den eigenen Herzen ebenso wie in denen anderer Menschen.

Dass dies nicht selbstverständlich ist, verschwieg die Dekanin nicht. Viele Menschen in der Kirche seien müde geworden, ihre Füße schwer wie die des Mose in der Wüste. Mit dem „schweren Gepäck der Jahrhunderte“ irrten sie durch die „Wüsten der welkenden Kirchenlandschaften“. Auch die gegenwärtigen Reformbemühungen der evangelischen Kirche bereiteten vielen eher Reformstress als Freude. Neumann sprach von einer „Fehlzündung“: Die Reformen machten Krach, stießen bei vielen auf Unbehagen und kämen nicht recht von der Stelle.

Dabei müsse Reformation die Kirche gerade aus ihrer selbstgestellten Abseitsfalle, aus der fruchtlosen Beschäftigung mit sich selbst herausführen. Reformation sei mehr als kirchliche Denkmalpflege oder theologische Rechthaberei. Sie müsse zu einer Kirche führen, die ihre Botschaft ernst nehme und aus der Freude über Gottes Gnade lebe.

Zur reformatorischen Selbstkritik gehöre ausdrücklich auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Die Reformation habe nicht nur die Freude über die Frohe Botschaft verbreitet, sondern auch Unerträgliches hervorgebracht. Dazu zählten insbesondere Martin Luthers „unsägliche Tiraden“ gegen die Juden. Gerade deshalb müsse die evangelische Kirche sich ihrer Verantwortung stellen und auch die Schattenseiten ihrer eigenen Tradition benennen.

„Dass wir als evangelische Kirche nach den Irrgängen unserer Judenfeindschaft und angesichts der Gewalt gegen Juden da nicht mehr mitmachen wollen und dass wir auch nicht bloß schweigend am Zaun stehen bleiben wollen, gehört ebenfalls zum Erbe der Reformation, das jeder Pflege wert ist“, sagte Neumann. Es gehe um die Fähigkeit zur Selbstkritik, theologisch gesprochen um Umkehr und Buße – auch und gerade dann, wenn diese schmerze und liebgewonnene Überzeugungen oder historische Helden infrage stelle. „Gebe Gott, dass uns das in schwieriger Zeit glaubwürdig gelingt!“

Doch kann Buße Freude machen? Neumanns Antwort: nicht als laute oder unbeschwerte Freude, wohl aber als stille Herzensfreude über das neu geschenkte Leben. Die Rechtfertigung des Menschen allein aus Gnade bedeute nichts weniger als eine Auferweckung aus dem Tod eines falschen Lebens. Die größte Freude sei die Vergebung der Sünden. Sie erinnere daran, dass Gott dem Menschen immer wieder einen neuen Anfang schenke.

Freude schenkte an diesem Reformationsfestabend auf jeden Fall die Evangelische Singakademie, die mit Niklas Sikner und Manuel Pschorn den Gottesdienst großartig musikalisch gestaltete.

Die gesamte Predigt von Dekanin Arami Neumann